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Singletrailskala

 

Die Singletrail-Skala (STS) – Trails einschätzen leicht gemacht!

Von DIMBo Carsten Schymik

Irgendwo in den Alpen. Eine Gruppe von Bikern steht nach einer langen Auffahrt oben auf dem Pass und blickt nach unten. Knapp 500 m weit nach unten können sie schauen. Schmal wie ein Handtuch schlängelt sich ein Trail hinab ins Tal. Felsen sind zu sehen, enge Kehren verlangen Fahrtechnik, an einigen Stellen ist der Weg ausgesetzt, hier hängt ein Stahlseil am Fels. Auf die Gruppe, allesamt Cross Country Fahrer aus einem deutschen Mittelgebirge wartet eine Abfahrt hinunter ins Ungewisse. Es geht über Felsen und später über Wurzeln, teilweise ausgesetzt und schräg den Hang hinab.

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Der Guide verspricht eine „anspruchsvolle Abfahrt" mit einigen „Schlüsselstellen", an denen man evtl. „mal schieben" muss.

Los geht´s, die Gruppe setzt sich in Bewegung. Der Guide voraus geht´s hinab, er spielt mit dem Trail, balanciert gekonnt über die Felsen, springt den einen oder andern Absatz., schnell ist der Flow da. Doch plötzlich, da war doch was? Ach so die Gruppe. Also warten, ah, da kommen sie, alle schiebend, fluchend. Mit den Klickpedal-Bikeschuhen über den rutschigen Fels schliddernd. Aha, so sehen also zwei drei kurze Schlüsselstellen aus…

Eine Episode aus dem Leben die klar zeigt worin das Problem liegt: Die Schwierigkeit einer Abfahrt einzuordnen, unabhängig von den Fahrkünsten und der Kondition des Bikers.

Genau aus diesem Grund haben sich Ende 2004 drei Biker zusammen getan und eine Skala entwickelt, die die Schwierigkeiten von Trails klassifiziert. Dabei stand im Vordergrund „alles was gemacht wird" zu beschreiben und anderseits niemanden anhand seiner evtl. nicht vorhandenen Fähigkeiten zu deklassieren.

Vertrider und Extrembiker Harald Philipp, der Tourenbiker Carsten Schymik und der Hardtailfahrer David Werner haben ein System entwickelt, das anhand von Geländebeschaffenheit und Steilheit Sektionen eines Trails nach Schwierigkeiten einordnet. Basis für die von den drei DIMB-Mitgliedern weiterentwickelte Skala ist eine bereits seit einigen Jahren von Willi Hofer entwickelte Einteilung.

Die Singletrail-Skala charakterisiert schmale Wege und bergab führende Singletrails in einem sechsstufigen Punktesystem.

Die Schwierigkeitsgrade

Die Singletrail-Skala umfasst sechs Schwierigkeitsrade (S-Grade) von S-0 bis S-5, wobei für einen durchschnittlichen Biker das untere Skalenende mit „ohne Schwierigkeit" und das obere mit „praktisch unfahrbar" gleichzusetzen ist.

Bei der Orientierung nach S-Graden ist zu beachten, dass sich der fahrtechnische Anspruch beispielsweise durch schlechte Witterungsverhältnissen nach oben verschieben kann. Eine noch genauere Beschreibung des Trails ist durch die zusätzliche Verwendung von + und - möglich. So liegt ein S3+ - Trail über dem Schwierigkeitsniveau eines normalen S3 -Trails, erreicht aber noch nicht ganz die Schwierigkeitsstufe S4. Dies kann z.B. eine sehr steile und enge Serpentine sein, die gerade noch ohne Versetzen des Hinterrades fahrbar ist.

Die einzelnen Schwierigkeitsgrade:

S0

S0 beschreibt einen Singletrail der keine besonderen Schwierigkeiten aufweist. Dies sind meistens flüssige Wald- und Wiesenwege auf griffigen Naturböden oder verfestigter Schotter. Stufen, Felsen oder Wurzelpassagen sind nicht zu erwarten. Das Gefälle des Weges ist leicht bis mäßig, die Kurven sind weitläufig.

Auch ohne besondere Fahrtechniken sind Wege mit S-0 zu bewältigen.

S1

Auf einem mit S-1 beschriebenen Weg muss man bereits kleinere Hindernisse wie flache Wurzeln und kleine Steine erwarten. Sehr häufig sind vereinzelte Wasserrinnen und Erosionsschäden. Der Untergrund kann teilweise auch nicht verfestigt sein. Das Gefälle beträgt maximal 40%. Spitzkehren sind nicht zu erwarten.

Ab S-1 werden fahrtechnische Grundkenntnisse und ständige Aufmerksamkeit benötigt. Anspruchsvollere Passagen erfordern dosiertes Bremsen und Körperverlagerung. Es sollte grundsätzlich im Stehen gefahren werden. Hindernisse können überrollt werden.

S2

Im Schwierigkeitsgrad 2 muss man mit größeren Wurzeln und Steinen rechnen. Der Boden ist häufig nicht verfestigt. Stufen und flache Treppen sind zu erwarten. Oftmals kommen enge Kurven vor, die Steilheit beträgt Passagenweise bis zu 70%.

Die Hindernisse müssen durch Gewichtsverlagerung überwunden werden. Ständige Bremsbereitschaft und das Verlagern des Körperschwerpunktes sind notwendige Techniken, ebenso genaues dosieren der Bremsen und ständige Körperspannung.

S3

Verblockte Singletrails mit vielen größeren Felsbrocken und/ oder Wurzelpassagen gehören zur Kategorie S3. Hohe Stufen, Spitzkehren und kniffelige Schrägfahrten kommen oft vor, entspannte Rollabschnitte werden selten. Häufig ist auch mit rutschigem Untergrund und losem Geröll zu rechnen, Steilheiten über 70% sind keine Seltenheit.

Passagen, die den S3 aufweisen, erfordern zwar noch keine Trial-Techniken, sehr gute Bike-Beherrschung und ständige Konzentration sind aber Voraussetzung zum Bewältigen von S3. Exaktes Bremsen und sehr gute Balance sind notwendig.

S4

S4 beschreibt sehr steile und stark verblockte Singletrails mit großen Felsbrocken und/ oder anspruchsvollen Wurzelpassagen, dazwischen häufig loses Geröll. Extreme Steilrampen, enge Spitzkehren und Stufen, bei denen das Kettenblatt unweigerlich aufsetzt kommen in S4 häufig vor.

Um S4 zu fahren sind Trial-Techniken wie das Versetzen des Vorder- und Hinterrades (z. B. in den Spitzkehren) absolut notwendig, genauso wie perfekte Bremstechnik und Balance. Nur Extremfahrer und Ausnahmebiker können S-4 bewältigen, selbst das Hinabtragen dieser Passagen ist häufig nicht ungefährlich.

S5

Der Schwierigkeitsgrad S5 ist charakterisiert durch blockartiges Gelände mit Gegenanstiegen, Geröllfelder und Erdrutsche, ösenartige Spitzkehren, mehrere hohe Stufen direkt hintereinander und natürliche Hindernisse wie umgefallene Bäume kommen häufig vor, oft in extremer Steilheit. Wenn überhaupt ist wenig Auslauf bzw. Bremsweg vorhanden. Hindernisse müssen z. T. in Kombination bewältigt werden.

Nur wenige Ausnahmefahrer versuchen Passagen im 5. Schwierigkeitsgrad zu bewältigen. Hindernisse müssen teilweise übersprungen werden. In Spitzkehren ist das Versetzen kaum noch möglich. Selbst das Tragen des Bikes wird hier fast unmöglich, da man sich beim Gehen festhalten oder gar klettern muss.

Wichtig: Nicht alle Faktoren müssen erfüllt werden um eine Passage einem gewissen

Schwierigkeitsgrad zuzuordnen. Ein Singletrail kann passagen- oder abschnittsweise durchaus auch unterschiedliche Schwierigkeiten aufweisen. Der Weg wird also z. B. als S2er beschrieben mit zwei S3 Passagen.

Die Teilnehmer einer Tour können ihrem Guide nun vor der Tour sagen: „Wir fahren in der Regel auf S2 Niveau" und ersparen sich dann die eine oder andere Enttäuschung mit den damit evtl. verbundenen, ungewollten langen Schiebepassagen.

Die Skala bietet im Vergleich zu weithin gebräuchlichen Tour- und Trail-Beschreibungen (z.B. „Fahrtechnik: leicht") den Vorteil einer objektiven Vergleichbarkeit der fahrtechnischen Ansprüche. Bezeichnungen wie „leicht" orientieren sich meist am Fahrkönnen des Verfassers und sind daher zwangsläufig subjektive Einschätzungen. Technisch nicht so versierte Fahrer betrachten den Trail ggfs. als „schwer" statt als „leicht".

Da sich die Skalierung bei immer mehr Tour-Autoren durchsetzt, können deren Routen auch besser miteinander vergleichen werden. Der Biker kann die Tour in Bezug auf das eigene Können einschätzen. Denn nicht immer hat man einen Guide dabei…

Weitere Informationen, detaillierte Beschreibungen sowie zahlreiche Beispielfotos unter www.singletrail-skala.de

Eine Datenbank mit über 120 alpinen Pässen hat der Mitentwickler der STS Carsten Schymik auf seiner Internetseite veröffentlicht.

Eine filmerische Umsetzung der Skala mit gekonnten Fahrszenen zeigt Roland Schymik im seinem Streifen Trailhunter Gardasee. www.trailhunter.net

Harald Philipp www.vertriders.com

Carsten Schymik www.schymik.de

David Werner www.trailhunter.de

Willi Hofer www.bikerides.at

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